Nach dem DNF in Köln 2013 gab es nur eine Richtung: weiterkämpfen. Frankfurt, Bottendorf, Möhnesee – jeder Wettkampf war ein Baustein auf dem Weg nach Almere. Und dort wartete die Krönung: mein erster Ironman.
Frankfurt Marathon 2013 – Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt
Nur wenige Wochen nach dem DNF in Köln stand ich in Frankfurt am Start. Zehn Tage Couch-Tapering nach einer Erkältung, Zahnschmerzen kurz vor dem Rennen, improvisiertes Schuhband für den Chip – es war alles andere als eine ideale Vorbereitung. Trotzdem hatte ich mir ein großes Ziel gesetzt: 3:15 Stunden.
Der Start verlief zäh. Das Feld im Asics-Block war überfüllt, viele hatten sich falsch eingeordnet. Ständig musste ich bremsen und beschleunigen, was Kraft kostete. Doch ich fühlte mich zunächst stark, kontrollierte mein Tempo, wollte nach zehn Kilometern aufdrehen. Aber schon früh meldeten sich die Oberschenkel, erste Warnsignale, dass es heute hart werden würde.
Das Wetter tat sein Übriges: windig, dann warm, später Regen – alles dabei. Halbmarathon durch, doch der Plan war dahin. Ab Kilometer 28 kam der Einbruch. Die Beine schwer, der Kopf müde, jeder Kilometer ein kleiner Kampf. Gedanken an Roth 2014 und an ein verrücktes Projekt eines Bekannten „sieben Ironman in sieben Tagen“ hielten mich irgendwie aufrecht.
Ab Kilometer 30 war es nur noch ein Überlebenskampf. „Sub irgendwas“ war mir egal, Hauptsache durchkommen. Doch dann, fast wie eine Fügung, tauchte bei Kilometer 41 „Ursenfuns“ neben mir auf, feuerte mich an und rief: „Komm Junge, die 3:30 packst du!“ – das weckte letzte Reserven.
Auf dem roten Teppich in der Festhalle überquerte ich nach 3:28:30 Stunden die Ziellinie. Persönliche Bestzeit, 19 Minuten schneller als in Freiburg. Aber die Freude war getrübt: nicht die erhofften 3:15, nicht die Euphorie des ersten Marathons. Ein hart erkämpfter Teilerfolg – und doch ein wichtiges Puzzlestück zwischen Köln und dem großen Ziel Roth.

Burgwald-Triathlon Bottendorf 2014 – Heimspiel mit Podium
Nach Köln und Frankfurt war es ein kleiner, fast unscheinbarer Wettkampf, der mir unerwartet einen besonderen Schub gab: der Burgwald-Triathlon in Bottendorf, nur wenige Kilometer von meiner Haustür entfernt. Eigentlich hatte ich mir geschworen, außer einer Langdistanz keinen Dreisport-Wettkampf mehr zu bestreiten. Doch manchmal kommt es anders – und manchmal ist das genau richtig.
Die Vorfreude begann schon am Vortag: Heimvorteil, bekannte Gesichter und die Gelegenheit, meinen neuen „Flitzer“ auf der Radstrecke zu testen. Natürlich durfte das volle Ritual nicht fehlen: Rasur von Kopf bis Fuß, viel Kaffee am Morgen – und damit auch reichlich Gänge zur Toilette, die Nervosität ließ sich nicht leugnen.
Geschwommen wurde im Bottendorfer Löschteich – ein trüber Tümpel, alles andere als einladend. Der Start war ein wildes Gerangel, Schläge von allen Seiten, doch bald fand ich meinen Rhythmus und kam nach knapp über neun Minuten aus dem Wasser.

Dann das Highlight: die Radstrecke. Anfangs noch Probleme beim Einklicken, doch dann explodierte die Energie. Mit über 400 Watt startete ich los, jagte die ersten Konkurrenten und rauschte in den langen Abfahrten wie entfesselt ins Tal. Die Beine brannten, der Puls raste, doch es war einer dieser magischen Radsplits, in denen alles passte: Überholmanöver, Attacken, kleine Duelle – und immer wieder das Gefühl, stärker zu sein. Nach nicht einmal 34 Minuten stellte ich das Rad ab – Schnitt fast 35 km/h.

Der Lauf war dann eine Sache des Durchbeißens. Erst zurückhaltend, dann Runde für Runde schneller, bis ich das Maximum aus mir herausgeholt hatte. Die Uhr stoppte nach 1:10:43 Stunden. Kein perfektes Rennen, aber ein Debüt, das mich stolz machte: Platz 3 in der Altersklasse 50, Platz 40 gesamt – und das bei einem Heimspiel.

Bottendorf war kurz, intensiv, emotional. Es war kein „großer“ Wettkampf wie Köln oder Frankfurt – und doch fühlte sich das Podium direkt vor der Haustür wie ein echter Triumph an.
Half Ironman Möhnesee 2014 – Hitze, Höhenmeter und Neoverbot
Der Möhnesee-Triathlon sollte für mich in erster Linie ein Testlauf und eine Standortbestimmung sein, bevor es später ernst wurde in Almere. Mit gemischten Gefühlen ging ich ins Rennen – und das spiegelte sich auch im Ergebnis wider: zufrieden und unzufrieden zugleich.
Schon beim Schwimmen wurde klar: das wird kein Glanztag. Neoverbot! Für mich bedeutete das eine Katastrophe, denn ohne die Auftriebshilfe zeigte sich meine schlechte Wasserlage gnadenlos. Zwar hatte ich das Kraulen ohne Neo trainiert, aber die Zeiten waren bei mir einfach deutlich langsamer. Zwei Brustschwimmer zogen sogar an mir vorbei. Platz 52 von 63 nach dem Schwimmen – ernüchternd.
Auf dem Rad hielt ich mich streng an meine Wattvorgaben: im Schnitt 180 W, an den Anstiegen maximal 200 W. Das hieß: bewusst Körner sparen, auch wenn es schwerfiel, als mich in den ersten beiden Runden einige überholten. Die Strecke war fordernd – knapp 90 Kilometer mit über 900 Höhenmetern. Meine Geduld zahlte sich erst spät aus: In der dritten Runde sammelte ich viele wieder ein. Doch die Realität war hart – mit 29,3 km/h Schnitt landete ich trotzdem nur auf Platz 46. In der Wechselzone sah ich die Ernüchterung schwarz auf weiß: fast alle Räder hingen schon wieder am Platz.
Und doch: auf der Laufstrecke drehte sich alles. Hitze, Schwüle, fast 11 Uhr mittags – perfekte Bedingungen für einen Einbruch. Aber ich hatte noch Reserven. Gleichmäßig, fast stoisch zog ich meine Runden, konnte gegen Ende sogar zulegen, Läufer um Läufer überholen. Am Ende stand die 23. beste Laufzeit von 63 Finishern – und ein Gefühl, dass meine Taktik aufgegangen war.
5:40 Stunden, Platz 28 bei den Männern. Kein Ergebnis für die Schlagzeilen, aber ein hart erarbeiteter Beweis: ich konnte mich auf meine Disziplin und meine Strategie verlassen. Und vor allem: ich konnte trotz schwachem Schwimmen und durchschnittlichem Radfahren am Ende laufen, wirklich laufen.
Mit diesem Wissen fuhr ich nach Hause. Möhnesee war kein Triumph – aber eine Bestätigung, dass ich auf Almere vorbereitet war.
Challenge Almere-Amsterdam 2015 – Endlich Ironman
Nach dem DNF in Köln und der abgesagten Teilnahme in Roth stand ich nun in Almere an der Startlinie. Ein zweiter Versuch, diesmal unter besseren Vorzeichen: eine längere, entspanntere Vorbereitung, ein neues Triathlonrad, dazu die Familie im Schlepptau – Urlaub und Wettkampf in einem. Trotzdem kreisten die Gedanken vor dem Start um alles, was schiefgehen könnte. Doch dann war der Moment da – der Einmarsch zum Schwimmeinstieg, begleitet von dramatischer Musik und wehenden Fahnen. Es fühlte sich an wie ein WM-Finale.
Der Start im Wasser war ein Chaos, Schläge und Tritte von allen Seiten, doch ich blieb ruhig, fand schnell meinen Rhythmus und schwamm konzentriert Zug um Zug. Im Gegensatz zu Köln fühlte ich mich diesmal stark, ja fast mühelos. Nach 1:16 Stunden stieg ich erleichtert aus dem Wasser – schneller als erwartet, und vor allem mit dem Gefühl: heute läuft es.

Auf dem Rad setzte ich von Beginn an auf Disziplin. Die ersten 90 bis 120 Kilometer fuhr ich bewusst defensiv, auch wenn ich reihenweise überholt wurde. Der lange Küstenabschnitt mit brutalem Gegenwind war wie eine Wand, ich musste aufs kleine Kettenblatt und die Frequenz hochnehmen. Der Schnitt rauschte nach unten, aber ich machte nicht den Fehler von Köln, das Tempo hochzuziehen.

Arne Dycks Leitspruch von TriathlonSzene.de „Wenn du am Anfang überholt wirst, fährst du richtig“ hallte in meinem Kopf. Auf der zweiten Runde zahlte sich das aus: nun überholte ich andere, sammelte Fahrer um Fahrer ein. Kurz sorgten Magenkrämpfe für Panik – die Erinnerung an Köln war sofort da. Aber diesmal blieb ich ruhig, reduzierte Tempo, nahm nur Wasser. Es funktionierte, und mit guten Beinen erreichte ich nach 6:07 Stunden die zweite Wechselzone.
Dann der Marathon. Sechs Runden um den See, getragen von Zuschauern, Familie und der eigenen Entschlossenheit. Anfangs fühlte ich mich frisch, fast unbesiegbar. Natürlich kam der Einbruch nach 20 Kilometern, doch ich lief weiter, gleichmäßig, wie ein Uhrwerk. Viele gingen – ich nicht. Bei jeder Runde war es, als würde jemand Brennstoff nachlegen. Und immer wieder das Mantra: nicht gehen, nicht stehenbleiben.

Als meine Frau in der vierten Runde an der Zeitmatte jubelnd stand, wusste ich: das Ziel ist greifbar. Auf der letzten Runde war ich mir sicher: Sub 12 ist drin. Und tatsächlich – ich bog in den Zielkorridor ein, streifte das letzte Bändchen ab und rannte mit geballten Fäusten über die Linie.

11:51:31 Stunden. Ich war ein Ironman. Endlich.
Es war die Krönung von zwei Jahren harter Arbeit, ein unbeschreiblich geiles Gefühl – und mein bisher größter sportlicher Erfolg.
Rückblick
Jeder dieser Wettkämpfe – Frankfurt, Bottendorf, Möhnesee und schließlich Almere – war ein Mosaikstein. Zusammen ergaben sie das Bild eines langen, steinigen, aber lohnenden Weges: vom Scheitern in Köln bis zur Erlösung in Almere. Ein Weg, auf dem ich lernte, dass Rückschläge nicht das Ende sind, sondern oft nur die Vorbereitung für den größten Triumph.
Ausblick – vom Ironman zum nächsten Traum
Die Tage nach Almere war ich wie berauscht. Dieses Gefühl – stärker als mein Bodybuilding-Weltmeistertitel, intensiver als mein Freiburg-Marathon-Debüt – trug mich durch eine ganze Woche. Ich hatte meinen lang gehegten Traum erfüllt, ich war Ironman. Doch dann kam die Leere.
Hawaii, der große Mythos, war für mich unerreichbar. 60 bis 90 Minuten schneller hätte ich sein müssen, um mich jemals zu qualifizieren. Das war außerhalb meiner Reichweite. Ein anderer Traum blieb: einmal beim legendären Powerman in Zofingen starten, mit seinen brutalen 10–150–30 Kilometern im Bergland. Doch noch bevor ich diesen Gedanken weiter verfolgte, öffnete sich eine neue Tür.
Diesmal war es nicht ein Freund, sondern das RennradNews-Forum, das mich auf etwas Neues aufmerksam machte: Brevets – Langstreckenradfahren. Sofort packte mich die Faszination. Paris–Brest–Paris, 1.200 Kilometer am Stück! Ein Traum, der mich von Anfang an fesselte.
Der Einstieg war klar: ein 200-km-Brevet. Und wie es der Zufall wollte, verband ich meinen ersten Test gleich mit zwei anderen Erlebnissen – einer Staffelteilnahme beim Maschsee-Triathlon in Hannover und einem Radtrip über 260 Kilometer dorthin. Das Schwimmen am nächsten Tag war mittelmäßig, aber das spielte keine Rolle mehr. Die Entscheidung stand: mein Weg führte weiter, hinaus aus dem Triathlon, hinein ins Abenteuer Brevet.
🏃♂️ Michael aka Imi
Leidenschaftlicher Läufer, Radfahrer und Kraftsportler aus Frankenberg an der Eder.
Immer auf der Suche nach neuen sportlichen Herausforderungen – und mit Freude dabei, Erinnerungen zu bewahren und zu teilen.
📌 Serie „Meine sportliche Vita“ – Dieser Beitrag ist Teil einer fortlaufenden Rückblickreihe.
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