Brevet 200 km ARA Mittelhessen – April 2016

Anreise und erste Begegnungen

Meine Vorfreude war genauso groß wie zwei Wochen zuvor in Treuchtlingen, als ich zum ersten Mal ein 200-km-Brevet gefahren war. Diesmal war ich froh, dass ich nur eine relativ kurze Anreise von 60 Minuten hatte – in Randonneurs-Kreisen ein echter Luxus, denn viele reisten selbst für einen 200er von weither an.

Ich wusste, dass man mit dem Auto ziemlich genau eine Stunde bis nach Gießen benötigte und dass dort erst ab 7 Uhr jemand vor Ort sein würde, um das Gebäude zu öffnen und die Startunterlagen auszugeben. Dennoch fuhr ich bereits um 5:45 Uhr von zu Hause los. Es konnte ja immer etwas dazwischenkommen, und ich war gern früh da.

Tatsächlich kam ich um 6:45 Uhr an der TH Mittelhessen am Gebäude C21 in der Moltkestraße an, ergatterte einen der wenigen Parkplätze direkt vor dem Eingang – der wie erwartet noch verschlossen war. Ich war der Erste, und das nicht zum ersten Mal bei einer Sportveranstaltung. Wenige Minuten später trafen Christian, der Veranstalter, und zwei Damen ein, die – wie sich später herausstellte – für die Organisation verantwortlich waren. Sie empfingen mich freundlich und boten mir Kaffee an.

Zwar war es die erste Veranstaltung am neuen Brevet-Standort „ARA Mittelhessen“, doch ich hatte sofort den Eindruck, dass hier ein erfahrenes Randonneurs-Team am Werk war. Nach und nach trudelten weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein. Es waren deutlich weniger als in Treuchtlingen, aber immerhin etwa 30 Randonneure, die sich – wie ich heraushörte – teilweise bereits von anderen Brevets kannten. Die Atmosphäre war locker und entspannt.

Als jemand erwähnte, ein gewisser „Imi“ habe den Track im Rennradforum gepostet, outete ich mich als dieser. Ich trank meinen Kaffee aus und machte mich startklar.

Ausrüstung und Start

Bis auf ein paar Kleinigkeiten hatte ich wieder fast alles wie in Treuchtlingen an Bord – nur das Akku-Frontlicht mit dem schweren Akku ließ ich zu Hause. Der eine oder andere, der mein sportliches Treiben und meinen Blog verfolgte, machte sich über das viele Gepäck am Rad lustig und gab sogar Tipps, wie ich die Ausrüstung mit Trolley oder Anhänger erweitern könnte, wenn die Taschen am Rad einmal nicht ausreichten.

Ich hatte noch nie – toi, toi, toi – einen Platten, seit ich Rennrad fuhr, und war Gott sei Dank auch noch nie so gestürzt, dass ein Erste-Hilfe-Set nötig gewesen wäre. Ein Ersatzhandy mit anderem Netzbetreiber war bislang ebenso überflüssig wie ein Handy überhaupt – außer natürlich zum Fotografieren. Und dass es trotz null Prozent Niederschlagswahrscheinlichkeit je in Strömen geregnet hätte, daran konnte ich mich ebenso wenig erinnern wie daran, ohne Verpflegung unterwegs fast verhungert oder verdurstet zu sein.

Wenn ich all das berücksichtigte, hätte ich von dem, was ich dabei hatte, fast nichts mitnehmen müssen. Nur der 22.000-mAh-Akku kam tatsächlich zum Einsatz, weil mein Edge nach sechs Stunden nur noch 20 % Restkapazität hatte. Da ich aber gern auf Nummer sicher ging und fast immer allein unterwegs war, wollte ich für alle Fälle gerüstet sein – so auch diesmal und künftig.

Zehn Minuten vor dem Start schaltete ich meinen Edge ein und versuchte, die Strecke zu laden. Nichts funktionierte: Das Display fror ein, auch nach unzähligen Versuchen. Aus- und Einschalten half nicht. Na, herzlichen Glückwunsch: Da hatte ich mir die Mühe gemacht, den Track zu erstellen und öffentlich bereitzustellen – und ausgerechnet bei mir streikte die Technik. Egal, ich blieb gelassen und startete ohne Track. Ich hatte ja das Roadbook, und für die ersten Kilometer konnte ich mich an den anderen orientieren.

Kurz vor dem Start gab Christian noch Hinweise zur Strecke, eine der beiden Damen machte ein Gruppenfoto. Ich sortierte mich wie gewohnt ganz hinten ein – und blieb dort zunächst auch. Das Feld wirkte noch entspannter als in Treuchtlingen, das Tempo war gemächlich.

Auf der Strecke: Gruppen, Lkw und Rückenwind

Durch Gießen rollten wir noch gemeinsam, danach teilten sich nach und nach kleine Grüppchen ab. Ich orientierte mich zunächst an Christian, fuhr aber nach rund 20 Kilometern etwas zügiger, überholte hier und da und schloss schließlich zu einer kleinen Gruppe auf.

Auf einem serpentinenartigen Abschnitt rollte ein Lkw auf uns auf und konnte nicht überholen – unter anderem, weil die beiden Vorderen permanent nebeneinander fuhren und die Fahrbahnhälfte blockierten. Ich spürte den Lkw förmlich im Nacken und stellte mir vor, wie der Fahrer vor Wut schäumte – zu Recht in diesem Fall. Solche Szenen trugen sicher nicht dazu bei, dass Autofahrer uns Radfahrer respektierten.

Nach gefühlter Ewigkeit zog der Lkw hupend an uns und dem immer noch nebeneinander rollenden Duo vorbei. Ich empfand das Verhalten der beiden als rücksichtslos und setzte mich von der Gruppe ab. Nun genoss ich das Alleinfahren und nutzte den Rückenwind, um Tempo zu machen. Herrlich, mit über 40 km/h über den Asphalt zu brettern. Kurz darauf holte ich eine Dreiergruppe ein und staunte über die extrem muskulösen Waden einer Randonneurin – so etwas hatte ich noch nicht gesehen.

Wir blieben bis kurz hinter Wallau bei Kilometer 60 zusammen, danach fuhr ich allein weiter – hinein ins heimische Revier zur ersten Kontrollstelle.

Erste Kontrolle in Hatzfeld

In Hatzfeld holte ich mir an der Esso-Tankstelle meinen ersten Stempel und traf dort die beiden wieder, mit denen ich mich bereits vor dem Start nett unterhalten hatte. Ich versuchte noch einmal, den Track zu laden – und siehe da, nun funktionierte es.

Nach kurzer Verpflegung fuhr ich zunächst gemeinsam mit den beiden weiter, doch nach wenigen Kilometern ließen sie abreißen. Schade, denn sie waren mir sympathisch gewesen. Aber genau das mochte ich an Brevets: zwangloses Fahren ohne feste Bindung.

Nach 79 Kilometern, kurz vor Wollmar, überholte ich einen einzelnen Randonneur, der meinen Gruß nur mürrisch, fast genervt erwiderte. Schon interessant, wie unterschiedlich die Charaktere waren. Ich freute mich, dass die Strecke durch mein Revier und nur 15 Kilometer an meiner Haustür vorbeiführte – es hatte etwas Vertrautes.

Durchs Ederbergland und nach Treysa

Weit und breit sah ich nun niemanden mehr – erst wieder kurz vor Treysa bei Kilometer 137. Ich überholte einen am Straßenrand stehenden, telefonierenden Randonneur, der mich kurz darauf wieder überholte, als ich „für kleine Jungs“ musste. Ich fotografierte ihn von hinten, schloss wieder auf, hielt aber bis zum Ortseingang Schwalmstadt-Treysa Abstand.

Erst als ich erkannte, dass der Kollege im Kreisverkehr falsch abzubiegen drohte, rief ich ihn zurück und fuhr mit ihm bis zur zweiten Kontrolle – einer Bft-Tankstelle. Wir kamen sofort ins Gespräch. Da ich noch reichlich Treibstoff an Bord hatte, holte ich mir nur den Stempel, entsorgte meinen Müll und radelte weiter.

Verpasste Abzweige und die Rampe nach Arnsheim

In der Ferne sah ich eine Dreiergruppe, die jedoch bald wieder aus meinem Sichtfeld verschwand – sie waren schlicht schneller. In den nächsten 15 Kilometern verpasste ich zudem dreimal eine Abzweigung. Dank Streckenabweichungswarnung meines Edge bemerkte ich das jeweils nach wenigen Metern und korrigierte.

Beinahe hätte ich so auch die schöne Rampe nach Arnsheim verpasst – über 10 % Steigung. Oben hielt ich kurz an, schoss ein paar Fotos und nahm einen Schluck aus der Flasche, während ein anderer Randonneur sich den Berg hochkurbelte und an mir vorbeizog.

Mitfahrer und dritte Kontrolle

Die Landschaft gefiel mir auf diesem Abschnitt besonders gut – insgesamt war die Strecke landschaftlich schön und gut zu fahren. Es ging zwar ständig auf und ab, doch an solches Terrain war ich gewöhnt und wusste, wie ich meine Kräfte einteilen musste. Das funktionierte inzwischen auch ohne Blick aufs Powermeter – das ohnehin nur noch Null anzeigte.

Ein Stück zwischen Arnsheim und der dritten Kontrollstelle radelte ich mit dem erfahrenen Randonneur zusammen, der mich zuvor überholt hatte. Er navigierte perfekt nach Roadbook und zeigte mir Richtungswechsel rechtzeitig per Handzeichen an.

Nach mittlerweile über 2000 Höhenmetern ließ ich mir meinen dritten Stempel in Nieder-Gemünden in einem tegut-Supermarkt geben. Ich gönnte mir eine kalte Cola als Treibstoff für die restlichen 35 Kilometer, düste weiter und hoffte, die Kontrollzange zu finden.

Kontrollzange und Zieleinlauf

Hätte ich nicht bereits zwei Wochen zuvor bei meinem Brevet-Debüt gelernt, was eine Kontrollzange ist, hätte ich hier wohl länger gesucht. Schließlich erkannte ich ein kleines rundes Plastikteil – mit Kabelbindern an einem Zaun befestigt – als Kontrollzange. Ich schob meine Karte in den Schlitz, drückte fest, es knackte, und ein kleiner Abdruck erschien im Feld. Ohne Brille sah er für mich aus wie ein Frosch. Ich brauche eine Gleitsicht-Radbrille, dachte ich.

Erleichtert rollte ich die letzten 15 Kilometer zurück nach Gießen, wo mich die beiden Damen mit Kaffee, Kuchen und belegten Brötchen empfingen. Einige schnelle Jungs hatten die Füße bereits hochgelegt und ließen es sich schmecken.

Fazit

Eine tolle Veranstaltung, eine schöne Strecke, nette Menschen – und eine rundum gelungene Premiere am neuen Standort. Vielen Dank an Christian und die beiden Damen!

202 km · +2377 Hm · 8:37 h · 23,4 km/h (Brutto 9:22 h)

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